2018
WIE ALLES BEGANN.
Wie aus Weihnachtsbasteln Clearbee wurde
Als meine Frau im Advent Weihnachtsbasteln vorschlug, hatten wir offenbar unterschiedliche Vorstellungen davon, was sie mit "basteln" meint
Ich fand die Idee jedenfalls gut.
Daraus wurde ein etwas längeres Projekt.
Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit mehr als zwanzig Jahren selbständiger Softwareentwickler und hatte mein eigenes Biofeedback-System für Therapeuten, Ärzte und Krankenhäuser entwickelt. Für Vertrieb und Hardware hatte ich mir einen Partner gesucht. Ganz sauber ließen sich diese Welten allerdings nie trennen. Wenn man ein Produkt entwickelt, endet die eigene Neugier selten dort, wo laut Zuständigkeit eigentlich die Hardware beginnt.
Technik, die einem Arbeit abnimmt, hatte mich ohnehin längst erwischt. Staubsaugerroboter, Wischroboter und später Rasenmähroboter faszinierten mich. Nicht unbedingt, weil ich ein Problem mit Haushalts- oder Gartenarbeit hatte. Sondern weil sie mit Robotern schlicht interessanter wurde.
Nur bei den Fenstern war die Sache unbefriedigend.
Einen Fensterreinigungsroboter gab es zwar. Mit Kabel und Kompressor. Er funktionierte.
Ăśberzeugt hat er mich nicht.
Und manchmal reicht genau das als Anfang:
Da müsste doch etwas anderes möglich sein.
2019-2020
Irgendwann wurde es eine Drohne
Eine Drohne zu bauen war nicht der erste Gedanke.
Am Anfang standen eher Fragen: Wie könnte ein Gerät am Fenster arbeiten? Wie kommt es dorthin? Wie bleibt es dort? Was muss es können? Was davon ist technisch überhaupt sinnvoll?
Aus Ideen wurden Entwürfe. Aus Entwürfen neue Fragen. Manche Ansätze sahen auf dem Papier besser aus als in der Realität. Andere führten zum nächsten.
Irgendwann kristallisierte sich eine Lösung heraus, die am Anfang noch gar nicht festgestanden hatte:
Eine Drohne.
Damit begann eine Entwicklungsphase, in der sich clearBee Stück für Stück veränderte. Nicht in einer geraden Linie vom ersten Entwurf zum fertigen Produkt, sondern so, wie Entwicklung meistens tatsächlich aussieht: ausprobieren, verwerfen, verändern, wieder ausprobieren.
2021-2022
EIN FILM UND ...
In dieser Zeit produzierten meine Frau und ich fĂĽr eine Kampagne einen Film ĂĽber clearBee.
Wer neugierig ist, darf gerne schauen :)
Wir hatten SpaĂź dabei.
2021-2022
... ein ziemlich erfolgreicher irrtum
Und dann kam Naveen dazu.
Eigentlich durch einen Irrtum.
Naveen lebte damals in Indien und schrieb mich über Social Media an. Ich hielt ihn zunächst für einen meiner externen Dienstleister und aus dem Gespräch ergab sich ziemlich schnell die Idee, dass er beim 3D-Design mitarbeiten könnte.
Was ich nicht wusste: Er war noch nicht einmal siebzehn.
Offenbar war meine Fähigkeit, das Alter eines indischen Teenagers über Social Media einzuschätzen, ausbaufähig. Und Naveen hielt es seinerseits nicht für besonders dringend, mich aufzuklären.
Die Zusammenarbeit funktionierte.
Irgendwann gestand er mir sein tatsächliches Alter. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt schon sicher genug, dass ich ihn deshalb nicht wieder vor die virtuelle Tür setzen würde.
Tat ich auch nicht.
Aus einzelnen Aufgaben wurde Zusammenarbeit.
Aus Zusammenarbeit wurden Gespräche über die Zukunft.
Naveen wollte gerne im Ausland studieren. Eines Tages fragte er mich, ob er nach Ă–sterreich kommen sollte.
Warum nicht?
Er wollte "ein Ding in die Welt bringen".
Ich hatte eines zu entwickeln.
Das erschien uns offenbar als ausreichende Grundlage fĂĽr einen Plan.
2023
Aus online wird ...
Anfang 2023 flog Naveen zum ersten Mal nach Ă–sterreich.
Für mich fiel diese Zeit mitten in eine persönlich sehr intensive Phase. Es gab familiäre Todesfälle, zwei Jobs und genügend andere Dinge, bei denen man vernünftigerweise hätte sagen können:
Vielleicht gerade nicht auch noch das.
Aber bevor Naveen tatsächlich nach Österreich übersiedelte, wollten wir herausfinden, ob etwas, das online gut funktionierte, auch im echten Leben Bestand hatte.
... plötzlich ziemlich real
Es hatte.
Seit Herbst 2023 lebt und studiert Naveen in Ă–sterreich. Sein Studium: KĂĽnstliche Intelligenz.
Zuerst wohnte er als Gast im indischen Zimmer, später im Winterzimmer.
Vielleicht erklärt Letzteres, warum er mittlerweile deutlich besser mit Kälte umgehen kann als wir. Zu Beginn war das eindeutig noch anders.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Für clearBee änderte sich damit jedenfalls etwas Entscheidendes: Aus einer Zusammenarbeit über Kontinente hinweg wurde eine Zusammenarbeit vor Ort. Ideen konnten nicht mehr nur geschickt, besprochen und gezeichnet werden. Wir konnten gemeinsam bauen, ausprobieren und wieder ändern.
2024-2025
Den Plan wegwerfen, nicht die Idee
Während und nach Corona wurde immer deutlicher, dass unser ursprünglicher Weg einer vollständig eigenen Drohne wirtschaftlich kaum noch sinnvoll planbar war.
Bauteile wurden schwieriger verfĂĽgbar. Lieferketten unsicherer. Produktionskosten schwerer kalkulierbar.
NatĂĽrlich kann man an diesem Punkt aufgeben.
Oder man versucht, die Realität so lange passend zu rechnen, bis der Businessplan wieder hübsch aussieht.Wir entschieden uns für eine dritte Möglichkeit:
Wir warfen den Plan weg. Nicht clearBee.
Wir stellten das Konzept grundlegend auf den Kopf.
Statt weiterhin eine eigene Drohne um jeden Preis entwickeln und produzieren zu wollen, richteten wir den Blick auf den bestehenden Drohnenmarkt.
Die Frage lautete nicht mehr:
Wie bauen wir die richtige Drohne fĂĽr clearBee?
Sondern:
Was können Drohnen, die bereits existieren, wenn wir das entwickeln, was ihnen zur Fensterreinigung noch fehlt?
Damit begann im Grunde eine zweite clearBee.
2024-2025
Und dabei zeigte sich zunehmend, dass nicht nur unsere unterschiedlichen Kompetenzen interessant sind, sondern auch die unterschiedlichen technischen Welten, aus denen wir kommen.
Da trifft manchmal mein 90er-Jahre-Nerd-Hirn auf Naveens 2020er-KI-Hirn.
Ich habe gelernt, technische Probleme in einer Zeit zu lösen, in der man sich vieles selbst erarbeiten musste und Software noch nicht auf Zuruf fünf mögliche Lösungen ausspuckte. Naveen ist mit einer völlig anderen Generation von Werkzeugen aufgewachsen und studiert heute genau die Technologie, die diese Möglichkeiten noch einmal massiv erweitert.
Das fĂĽhrt durchaus zu unterschiedlichen Ideen.
Manchmal kommt von der KI eine Lösung, die im ersten Moment brillant klingt.
Und manchmal fĂĽhrt sie genauso brillant ins Leere.
2024-2025
Dann hilft Erfahrung.
Umgekehrt kann Erfahrung auch dazu führen, dass man gedanklich auf Wegen bleibt, die einmal richtig waren, obwohl inzwischen längst etwas anderes möglich ist.
Dann hilft ein Blick, der diese Wege noch gar nicht für selbstverständlich hält.
Vielleicht liegt genau darin inzwischen ein wesentlicher Teil unserer Entwicklungsarbeit:
Nicht Erfahrung gegen KI. Nicht alt gegen jung. Sondern herauszufinden, wann welches Denken gerade mehr sieht
Und am Ende muss das, was auf dem Bildschirm hervorragend funktioniert, ohnehin noch eine kleine unangenehme PrĂĽfung bestehen:
Es muss in der echten Welt funktionieren.
2026 / Heute
Ist clearBee "Jugend forscht"?
Ein bisschen vielleicht.
Nur dass Jugend inzwischen relativ ist und Forschung erstaunlich viele Excel-Tabellen produziert.
Wir sind kein Konzern. Wir haben keine Geschichte, in der von Anfang an jeder Schritt richtig war und nach acht Jahren nur noch die erfolgreichen Entscheidungen ĂĽbrig geblieben sind.
Wir sind Menschen.
Mit unterschiedlichen Geschichten, Kompetenzen, Schicksalen, Visionen und Träumen.
Muss man zu den großen Playern und klügsten Strategen gehören, um eine Idee in die Welt zu bringen?
Vernünftig wäre es vermutlich.
Wir werden sehen.
Denn in den vergangenen Jahren haben wir gelernt, dass Entwicklung nicht nur bedeutet, ein Produkt zu entwickeln.
Man entwickelt dabei auch die eigene Vorstellung davon, was funktionieren muss. Was man loslassen kann. Was ein Scheitern tatsächlich ist. Und bei welcher Idee man nach einem Rückschlag noch einmal aufsteht.
2026 / Heute
clearBee hat sich seit diesem Advent 2018 mehrfach verändert.
Wir auch.
Vielleicht ist das ein bisschen eine Underdog-Geschichte. Vielleicht ist es einfach die ziemlich normale Geschichte von Menschen, die etwas versuchen, fĂĽr das es vorher keinen fertigen Weg gab.
NatĂĽrlich kann es scheitern.
Diese Möglichkeit gehört zu einer ernst gemeinten Entwicklung genauso wie die Hoffnung, dass es funktioniert.
Irgendwann stellt sich deshalb eine andere Frage als die nach dem perfekten Businessplan:
Womit kann ich besser leben?
Damit, dass ich es versucht habe und es vielleicht nicht funktioniert?
Oder damit, dass ich irgendwann beschlossen habe, lieber nicht herauszufinden, ob es funktioniert hätte?
clearBee ist noch nicht die Antwort darauf.
Aber unser Versuch, sie zu finden.